2. Bericht aus Island (15. August 2007)

Ingolfsskali, 15.August 2007

Liebe Freunde in der Heimat,

Seit zweieinhalb Wochen bin ich nun schon mit den Meteorologen aus München, Zürich, Bergen und Reykjavik auf der kleinen Hütte „Ingolfsskali“. Stephan Lämmlein aus Markdorf ist inzwischen auch eingetroffen und übernimmt einen Teil der Flüge mit unserem Meteo-Flieger „Kali“.

Nach desolatem Wetter, das uns vom 3 bis 5 August kaum einen Schritt vor die Hütte ermöglichte, konnten wir in der letzten Woche wieder normal arbeiten. Von Montag bis Mittwoch wurden stündlich Pilotierballons aufgelassen und alle zwei Stunden mit dem Kali geflogen. Von besonderem Interesse sind dabei die Aufstiege am frühen Morgen, um die atmosphärische Schichtung vor Einsetzten des starken Windes zu erfassen.

Unsere Flughöhen werden überwiegend durch die Bewölkung begrenzt. Je nach Wetterlage liegt die Wolkenuntergrenze zwischen 500 und 1500 m. Mehr geht dann nicht, denn wir fliegen auf Sicht. Gelegentlich erwischt man jedoch ein größeres Wolkenloch, das einen Aufstieg auf 2000 m oder mehr zulässt. Doch Vorsicht: Man ist auch dann vor Wolken nicht sicher, die entweder mit hohem Tempo heranziehen oder sich ganz einfach durch Konvektion am Berg bilden. Aus diesem Grunde steht neben dem Piloten immer ein Beobachter, der den Flieger verfolgt und den Piloten vor bedrohlicher Wolkenbildung warnen sollte.

Aber auch Warnungen können gelegentlich zu spät kommen. So zum Beispiel, als mein Kali in Kerlingarfjöll gerade auf 2200 m über Grund flog und sich in 1200 m blitzschnell eine Wolke bildete, die mir die Sicht abschnitt. Im Blindflug konnte ich mit 150 bis 180 km/h Höhe abbauen. Der Kali wurde dabei jedoch mit dem Höhenwind von über 50 km/h abgetrieben. Nur mit viel Glück fand ich ihn in weiter Ferne in der Sonne glitzernd wieder und konnte ihn gegen den Wind zum Startplatz zurücksteuern.

Tags drauf geriet Stephan in dieselbe Situation, wobei ihm leider das entscheidende Quäntchen Glück, genauer: der gezielte Sonnenstrahl auf seinen Flieger fehlte. Kali suchte sich einen Landeplatz, den wir erst nach dreitägiger Suche ausfindig machen konnten. Rumpf und Flügel waren ramponiert, die Fernsteuerung, der Antrieb und vor allem das Messsystem hatte jedoch keinen Schaden genommen.

Eine willkommene Abwechselung gab es für mich am Donnerstag letzter Woche: Ich begleitete drei Meteorologen auf ihrer Wartungstour zu den Messstationen auf dem Gletscher, dessen nördliche Zunge knapp vier Kilometer hinter unserer Hütte begann. Dort waren auch unsere drei Scooter stationiert, die wir zunähst reichlich betanken mussten. Unser Material sowie eine Box mit Berge- und Sicherungsausrüstung für den sehr unwahrscheinlichen Fall eines Spaltensturzes fanden auf einem angehängten Schlitten Platz.

Sieben Stationen galt es abzufahren, um die Speicherkarten der Datenlogger zu wechseln und nach den Stromversorgungen zu schauen. Letztere erfolgten aus Solargeneratoren mit Zwischenspeicherung in Bleiakkus. Abgesehen von ein paar schief stehenden Stationsmasten - der Wind und das abschmelzende Eis hatten ihre Spuren hinterlassen - war mehr oder weniger alles in Ordnung, sodass wir die Fahrt bei windstillem, aber bedeckten Wetter genießen konnte. Nach einem 45-minütigem Anstieg über Buckeleis erreichten wir das fast ebene Plateau der 925 km² großen Eisfläche. Navigiert wurde streng nach GPS auf einer Strecke, die uns ein Isländischer Glaziologe vorgegeben hatte. Am Gipfel auf 1800 m bescherte uns Nebel eine totales White-out ohne jeden Übergang zwischen Schnee und Wolken. Außer den beiden anderen Scootern war absolut nichts zu sehen. Dank GPS erreichten wir die Gipfelstation jedoch metergenau!

Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, auch einen Teil der Strecke selbst zu fahren. Mit verhaltenen 50 km/h zog ich meine schnurgerade Spur Richtung Abstieg. Auf trockenem Schnee sollen die Schneeflitzer gute 70 laufen, wie mir die Spezialisten aus Norwegen verrieten.

Zurück zum Fliegen: Auf Island hat unser „Kali“ eine erst zu nehmende Konkurrenz bekommen. Ein deutsch-französisches Team aus Toulouse bzw. Hildesheim stieß zu uns und hatte drei kleine Styropor-Flieger namens „Sumo“ dabei, die mit einem mit einem Bordrechner zum Abfliegen vorbestimmter Routen bzw. Wegpunkte ausgerüstet waren. Dieses Micro Air Vehicle (MAV) verfügt über eine Lagestabilisierung per Infrarotdetektoren und eine bidirektionale Datenverbindung zum Boden. Mit dem üblichen Fernsteuersender wird nur während der Start- und Landephase gesteuert. Die Kommandos für die eigentliche Flugaufgabe kommen vom Laptop des zweiten Piloten.

Der Vorteil dieses Systems ist die exakte Einhaltung der Flugposition, wie zum Beispiel das Verweilen auf einer definierten Flughöhe währen der Messdatenerfassung. Dank der Lageregelung stabilisiert sich der Flieger von allein, eine Aufgabe, bei beim traditionellen Steuern mit zunehmender Höhe (dünnere Luft und schlechtere Sicht) immer schwieriger wird.

Bei vielen erfolgreichen Flügen passierte dem Sumo auch ein kleines Missgeschick: Martin Müller hatte am Laptop einen zu steilen Sinkflug auf 100 m über Grund vorgegeben den „Sumo“ jedoch erst 20 m unter der Lavakruste des Hochlandes beenden wollte. Also kam es zu einem harten Aufschlag. Zwei Liter Styropor wurden zerbröselt, hatten aber die Elektronik geschützt, so dass der Schaden minimal war. Glück im Unglück: Drei Sekunden vor dem Aufschlag hatte „Sumo“ noch seine GPS-Koordinaten an die Piloten geschickt, sodass der Landeort sofort identifiziert werden konnte. Die Bergung wäre ein Kinderspiel gewesen, wenn der Landeort nicht auf der gegenüberliegenden Seite eines reißenden Gletscherflusses gelegen hätte! Aber auch das hatten die Kollegen bis zum Abend noch gemeistert.

Dem programmierten und stabilisierten Fliegen gehört eindeutig die Zukunft. So habe auch ich schon ein vergleichbares System im Hause, mit dem ich meine nächste Aufgabe, dann wieder für die Uni Kassel, angehen werden.

Nach drei Wochen ging das Island-Abenteuer für mich am 18. August zuende. Ca. 80 Flüge mit dem Kali und weitere mit dem Sumo stehen im Flugbuch. Die Kameraden sind zurzeit noch am Berg und beginnen mit dem Abbau der Stationen. Insgesamt werden sie mit einer stattlichen Menge an aufgezeichneten Daten von Wind, Temperatur, Luftfeuchte und Strahlung zurückkehren. Genug Stoff also für die Arbeit im kommenden Herbst und Winter.

Nochmals herzliche Grüße aus Island,

Wolfgang


Jochen Reuder startet den Kali zu einem Flug auf 2400 m über Grund

Kali is launched by Jochen Reuder for a flight to 2400 m above ground

Die Messdaten der Flugmodelle Kali und Sumo wurden mit denen eines auf 1000 m über Grund aufsteigenden Fesselballons verglichen

Kali and Sumo measurements were compared with data taken by a tethered balloon that climbed to 1000 m above ground

Auf zum nächsten Start mit dem „Kali“: Stephan Lämmlein (li) und sein Beobachter Rafael Kühnel

Coming out for the next Kali launch: Stephan Laemmlein (left) and his observer Rafael Kuehnel

Voll konzentriert steuert Stephan seinen Kali, während Refael den Luftraum beobachtet

Stephan concentrates on controlling Kali, whereas Rafael observes the air

Routinearbeit, die alle 10 Tage anfällt: Markus Garhammer liest die Messdaten einer Bodenstation auf dem Gletscher aus

Routine work to be done every 10 days: Markus Garhammer downloads date from a ground station on the glacier




Scooterfahrt auf dem topfebenen Gletscherplateau

Driving snow scooters on the flat top of the glacier

Nach dieser Sitzprobe durfte ich auch einmal eine halbe Stunde den Scooter fahren.

I tried the driver’s seat before drive myself


Pilot Christian Lindenberg freut sich über die sichere Landung seines „Sumo“. Im Hintergrund der Hofsjökull-Gletscher

Pilot Christian Lindenberg is glad about the safe landing of his “Sumo”. Hofsjoekull Glacier in the background



 MFG-Markdorf, 3. Sep 2007